Kwanzaa: Sieben Tage, sieben Prinzipien, sieben Symbole
30. Dezember 2007 von kp
Heute geht es in meinem derzeitigen Dauerthema um Überlegungen - und zugegebenermaßen auch Spekulationen - zur Bedeutung der Zahl Sieben im Kontext des Kwanzaa-Festes.
Die dominierenden Farben von Kwanzaa Rot, Schwarz und Grün haben in der afroamerikanischen Kultur einen besonderen, genuinen Symbolwert - zumal in dieser Kombination. Ist das bei der Zahl Sieben auch der Fall?
Kwanzaa wird sieben Tage lang gefeiert, hat sieben Prinzipien und sieben Symbole. Die Sieben wiederholt sich in der Anzahl der verwendeten Gegenstände, der Anzahl der Buchstaben von Kwanzaa und strukturiert zeitlich sowohl das Fest wie dessen Vorbereitung.
Am 12. Dezember finden sich die Familienmitglieder zusammen und bekräftigen ihre Absicht Kwanzaa zu feiern. Dieser Absichtserklärung folgt am 19. Dezember, die konkrete Vorbereitung durch Kauf der benötigten Gegenstände. Der Beginn der Festwoche ist der 26. Dezember.
Die Zahl Sieben, in babylonischer und israelitischer Zahlensymbolik die Zahl der Fülle und Vollkommenheit, ist Kernsymbol von Kwanzaa.
Zahlen hatten und haben neben rein mathematischen Funktionen auch symbolische Bedeutung:
Zahlen können grade und ungrade sein. Eine zunächst triviale Feststellung, die aber z.B. die Pythagoräer durchaus interessierte. Sie maßen graden und ungraden Zahlen je symbolische Bedeutungen bei. Grade Zahlen standen für die Begrenzung, das Männliche, für Licht und das Gute; ungrade Zahlen standen für das Unbegrenzte, das Weibliche, die Finsternis und das Böse. (Endres, Schimmel: Das Mysterium der Zahl, S. 26).
Nach dieser Deutung kommen ungrade Zahlen “nicht besonders gut bei weg”, was allerdings in anderen Kulturen, Theologien, Volksglauben und Mythologien anders aussieht.
“An der ungraden Zahl erfreut sich der Gott”, hieß es bei Vergil.
‘Alle gute Dinge drei’ sagen wir heute, klopfen vielleicht ‘drei Mal auf Holz’ und wünschen mit ‘Toi, toi, toi’ uns selbst oder jemand anderem Glück. Ganz unabhängig von zahlensymbolischen Überlegungen verschenken wir Sträuße mit einer ungraden Anzahl Blumen.
Kommen wir aber mit Siebenmeilenstiefeln zur Zahl Sieben, in der sumerischen Kultur eine heilige Zahl. Sieben Stufen führten zum Tempel des sumerischen Königs Gudea, dem Haus der sieben Teile der Welt, schreiben Endres und Schimmel in Mysterium der Zahl.
Es gibt unzählige Beispiele für die positive symbolische Belegung der Zahl Sieben, hier eine Auswahl:
- Sieben Stufen hat der Salomonische Tempel,
- das Alte Testament berichtet von den sieben Tagen der Schöpfung
- sieben Arme hat die jüdische Menora
- Noah wartet sieben Tage auf die Taube
- das Laubhüttenfest dauert sieben Tage
- sieben Sakramente, sieben Gaben des Geistes, sieben Tugenden und sieben Todsünden kennt der Katholizismus
- sieben Verse hat die erste Sure des Koran und sieben Mal wird bei der Wallfahrt nach Mekka die Kaaba umkreist
Die sieben fetten und die sieben mageren Jahre sind ebenso sprichwörtlich geworden, wie das Buch mit den sieben Siegeln. Das alte Ägypten kannte sieben Himmelswege (Das Mysterium der Zahl, 146). Weitere Beispiele rund um die Sieben gibt es hier.
Wie sieht es nun aber mit der symbolischen Bedeutung der Sieben in afrikanischen Kulturen aus?
Leider ist die Quellenlage mehr als dürftig. Hat die Zahl Sieben überhaupt in afrikanischen Religionen eine besondere Bedeutung, wieviele und welche Feste in Schwarzafrika gibt es, die sieben Tage lange gefeiert werden? Um diese Frage zu beantworten müsste man sich gezielt auf die Suche in den Bibliotheken machen - ein umfangreiches Unterfangen.
In einigen afroamerikanischen Religionen, z.B. der Santeria auf Kuba kennt man sieben Hauptgötter, die “Seven African Powers”. Dies kann jedoch durchaus der Vermischung katholischen Glaubensvorstellungen und afrikanischer Religiosität geschuldet sein.
Auf der Suche nach der Sieben in der afroamerikanischen Religionsgeschichte begegnen natürlich zunächst die zahlreichen Beispiele aus dem Alten und Neuen Testament. Es gibt aber auch Beispiele afroamerikanischer Neureligiosität, in Gestalt der Lehren des Noble Drew Ali (1886 - 1929), Gründer und Prophet des Moorish Science Temple of America, einem Vorläufer der Nation of Islam (Black Muslims).
Drew Ali sah die Erlösung der Afro-amerikaner (er nannte sie “Moors”) im Wissen über ihre nationale, geographische und spirituelle Herkunft. Die Moors seien Nachfahren der Moabiter, die den Nord- und Südwesten Afrikas besiedelt hätten. Als Teil der heiligen ‘Asiatischen Nation’ hätten sie ihr spirituelles Wissen aus dem alten Ägypten (Khemet, Kemet) bezogen und seien ein Bindeglied zwischen alter und neuer Zivilisation. Drew Ali selber sei in dieses Wissen, das er “Moorish Science” nannte, in Ägypten eingeweiht worden.
Noble Drew Ali verfasste einen eigenen “Koran”, den “Circle Seven Koran” und verkündete die “Seven Divine Ways to Act“.
Auch Karenga spricht von einem siebenfaltigen Weg. Dies hört sich in der Sprache Karengas jedoch nicht religiös, sondern so an:
“The sevenfold path of blackness is think black, talk black, act black, create black, buy black, vote black, and live black.”
Gleichwohl gibt es innerhalb des Afrozentrismus - zu dieser Denkrichtung gehört auch Karenga - eine Strömung, in der ein altes (schwarzes) Ägypten aus afroamerikanischer Sicht rezipiert wird, durchaus auch religiös - in der einschlägigen afrozentrischen Literatur durchgehend “Kemet” genannt. Auch Karenga hat sich intensiv mit diesem Thema beschäftigt, allerdings anscheinend erst in den 1990er Jahren.
Entsprechend würdigt dies der afrozentrische Denker, Dr. Kwame Nantambu in Role of Numbers in Ancient Kemet (Egypt). Nantambu schreibt hier über die Zahl Sieben in Kemet (zu beachten ist hier selbstverständlich die afrozentrische Perspektive der Autors), führt Kwanzaa in einem Atemzug auf und schreibt, dass Karenga mit Kwanzaa die afrikanische Spiritualität kristallisiert und bewahrt habe.
Spielen nun aber zahlensymbolische Konzepte, Noble Drew Ali und afrozentrische Auffassungen über Kemet bezüglich Kwanzaa überhaupt eine Rolle oder ist alles Spekulation?
Letzteres kann durchaus sein. Zumindest standen sie Aussagen Karengas, der eher aus dem politischen denn religiösem Engagement kommt, nicht für Kwanzaa Pate. Karenga sieht das Vorbild für Kwanzaa und dessen historisch-kulturelle Rückbindung in den afrikanischen Erntefesten:
In terms of authenticity, Kwanzaa is modeled on first-fruits celebrations in ancient Africa, especially on Southern African first-fruits celebrations like Umkhost of Zululand which has seven days.
Das Fest, von dem Karenga hier spricht ist wahrscheinlich das Umkhosi woMhlanga Fest. Nach der offiziellen Tourismus-Behörde KwaZulu-Natal wird es allerdings lediglich vier Tage lang gefeiert.
Kommen wir zur vielleicht offensichtlichsten Erklärung. Karenga nahm sowohl das jüdische Laubhüttenfest als auch das jüdische Chanukka Fest als Vorbild. Letzteres wird nicht nur in der gleichen Jahreszeit gefeiert sondern sondern auch hier wird an jedem Tag eine Kerze mehr entzündet, bis schließlich acht! Kerzen brennen.
Die Kenara (siebenarmige Kwanzaa-Leuchter) wäre - folgt man dieser Erklärung - eine Aufnahme der jüdischen Menora-Symbolik.
Dafür - also für die offensichtlichste Erklärung - würde auch sprechen, dass in der afroamerikanischen Religionsgeschichte der USA die besondere Nähe zur jüdischen Heilsgeschichte betont wird.
Vielleicht haben die ersten schon nachgezählt?
Ja: auch im Wort Kwanzaa spiegelt sich die Sieben, denn es hat sieben Buchstaben.
Wie an anderer Stelle erwähnt, wurde Kwanzaa aus der Swahili-Bezeichnung “matunda ya kwanza” (”erste Früchte”). Das zweite A wurde durch Karenga hinzugefügt.
Es wird berichtet, dass an der ersten Kwanzaa-Feier sieben Kinder teilnahmen. Das zusätzliche A wurde beigefügt, damit jedes Kind ein Schild mit einem Buchstaben des Namens Kwanzaa tragen konnte.
Der zusätzliche Buchstabe, der dann die Zahl sieben ergibt hat anscheinend keine tiefsinnig-symbolischen sondern rein pragmatische Gründe.
Zu den vorherigen Artikeln über Kwanzaa: Kwanzaa Feiern beginnen , Wer feiert Kwanzaa?, Rot, Schwarz und Grün - zur Farbensymbolik von Kwanzaa.
Links
- Afrocentrism
- Moorish Science Temple of America
- Moors Gate
- The Holy Koran of the Moorish Science Temple of America (Circle Seven)
- The Nubian Networks (zahlreiche Tondokumente u.a Reden von Maulana Karenga und ein Interview mit Noble Drew Ali)