20 Jahre diagonal-Verlag - Religionswissenschaft ist Programm
11. Februar 2008 von kp
In diesen Tagen feiert der diagonal-Verlag, Deutschlands einziger Fachverlag für religionswissenschaftliche Arbeiten, sein 20jähriges Jubiläum. rw.info sprach mit den Machern des diagonal-Verlags: Thomas Schweer und Steffen Rink.
Hallo Herr Rink, hallo Herr Schweer,
Vor 20 Jahren habt Ihr den diagonal Verlag gegründet Bis heute ist er der einzige Verlag, der die religionswissenschaftliche Forschung in den Mittelpunkt der verlegerischen Tätigkeit stellt.
Was motivierte Euch, den diagonal-Verlag zu gründen und woher stammt der Titel?
Thomas Schweer: Wir waren anfangs zu dritt, kannten uns vom Studium und hatten die gemeinsame Idee, der Religionswissenschaft ein eigenes Forum zu geben. Dies begann mit der Zeitschrift “Spirita”, dann gab es die Anfrage eines Kommilitonen, ob wir nicht seine Magisterarbeit veröffentlichen wollten. Daraus entstand 1989 eher zufällig der Verlag, der dank guter Kontakte zur wissenschaftlichen Szene auch gleich mehrere Bücher publizieren konnte, z. B. einen Tagungsband und eine Dissertation.
Steffen Rink: Zunächst haben wir eine ganze Reihe von Begriffen und Namen aus dem Bereich der Religionen durchgespielt, doch die religiöse Konnotation ließ sich nicht mit unserem Ansatz von Religionswissenschaft vereinbaren. Der Name sollte deutlich machen, dass wir uns etwas “quer” zum üblichen Mainstream zu verhalten, keine inhaltlichen Vorgaben machen, offen sind für Neues.
In ersten Quartal 2008 werden unter anderem der Katalog zur Marburger Tibetausstellung von Adelheid Herrmann-Pfandt und eine Studie über Glaubenszweifel im Internet von Sebastian Murken veröffentlicht. Welches war das erste Buch, das im diagonal-Verlag veröffentlicht wurde? Und welches das bestverkaufte Buch?
Thomas Schweer: Das erste Buch stammte ebenfalls von Sebastian Murken, dem bereits erwähnten Kommilitonen, dem es als einem der wenigen gelungen ist, sein religionswissenschaftliches Studium in berufliche Praxis umzusetzen. Seine damalige Arbeit handelte von der Darstellung des Hinduismus in deutschen Schulbüchern und hieß “Gandhi und die Kuh”. Zu der Zeit hatten wir noch die Vorstellung, ein solches Thema verkaufe sich praktisch von selbst. Doch schon bald wurden wir eines besseren belehrt. Wir hatten mehr Geld in die Werbung gesteckt, als wir je wieder rausbekommen haben. Die von uns vermeintlich entdeckte Lücke in der deutschen Verlagslandschaft gab es vielleicht nur deshalb, weil die großen Verlage die quantitative Bedeutungslosigkeit von Religionswissenschaft erkannt hatten. Heute ist das anders, große Verlage machen mehr in dem Bereich, auch neue Reihen entstehen. Die Wertschätzung und Anerkennung des Fachs hat sich gewandelt.
Am besten verkauft sich bis heute unser “Longseller” von Joachim Schmidt, “Satanismus. Mythos und Wirklichkeit”. Dieses Buch erscheint demnächst in dritter Auflage. Es ist übrigens ein “klassisches” Projekt in dem Sinne, dass Joachim Schmidt ein Buch schreiben wollte, und wir vor der ersten Zeile die Veröffentlichung im diagonal-Verlag klar gemacht haben.
Steffen Rink: Wobei man vielleicht auch auf die ZfR, die Zeitschrift für Religionswissenschaft hinweisen sollte. Es haben vor 16 Jahren, als die Zeitschrift von der DVRW (Deutsche Vereinigung für Religionswissenschaft, KP) ins Leben gerufen wurde, nicht viele daran geglaubt, dass sich die Zeitschrift trägt. Viele größere Verlage hatten in den Jahren zuvor abgewunken, aber mit einem engagierten Herausgeberkreis um Professor Seiwert aus Leipzig konnten wir die Zeitschrift in der Fachwissenschaft gut positionieren.
Gibt es zurzeit größere Projekte?
Steffen Rink: “Tibet in Marburg” ist ein großes Projekt, nicht nur finanziell sondern auch von der Qualität im Druck, die bei einem Ausstellungskatalog notwendig ist, von den vielen Beteiligten, die das Projekt verwirklichen. Ansonsten ist und bleibt der Verlag das “eigentliche” Projekt. Wir arbeiten in einem kleinen Segment, haben schon manche Untiefe überwunden, und sind stolz auf nunmehr fast 100 Titel der letzten 20 Jahre.
Welche Veröffentlichungen lagen Euch besonders am Herzen?
Steffen Rink: Das lässt sich schwer sagen. Vielleicht die Bücher, die am ehesten unseren eigenen Vorstellungen von Religionswissenschaft entsprechen, und bestimmt auch diejenigen, bei denen sich durch die gemeinsame Arbeit am Buch eine Beziehung zu den Autorinnen und Autoren aufgebaut hat.
Neben Eurer verlegerischen Tätigkeit seid Ihr auch als Autoren tätig. Was sind Eure Schwerpunkte und welche Dienstleistungen bietet Ihr außerdem?
Thomas Schweer: Wir haben beide zahlreiche Bücher zu religionswissenschaftlichen Themen in verschiedenen Verlagen veröffentlicht, zuletzt gemeinsam “Benedikt XVI.” im Ullstein Verlag. Dabei bemühten wir uns stets um sachgerechte Darstellungen, z. B. um die Vermeidung der üblichen Klischees wie “gute Religion - böse Sekten” usw.
Zurzeit arbeite ich verstärkt im Bereich Lektorat für andere Verlage und im Schreiben von Büchern, während Steffen Rink mit einer eigenen zusätzlichen Selbstständigkeit eher auf dem Gebiet Webdesign, Informationsprojekte, Vorträge usw. aktiv ist.
Was sollte ein Autor wissen, wenn er bei Euch ein Buch veröffentlichen möchte?
Thomas Schweer: Am wichtigsten sind inhaltliche Qualität und religionswissenschaftliche Relevanz, formal lässt sich dann immer noch was machen. In der Regel sollte es sich um eine eigenständige Monografie oder Dissertation handeln, doch ein zwei aktuelle Beispiele zeigen, dass auch überdurchschnittliche Magisterarbeiten eine Chance haben. Eines davon war von Dimitrios Kisoudis, “Politische Theologie in der griechisch-orthodoxen Kirche”, das unlängst eine positive Besprechung in der FAZ bekam.
Was ist bei der Einreichung des Manuskripts zu beachten?
Thomas Schweer: Zunächst leider der notwendige Druckkostenzuschuss, bei den kleinen Auflagen, die bei spezialisierten Büchern nur möglich sind, decken die potenziellen Verkaufserlöse die Kosten nicht. Sollte sich dann der erhoffte Erfolg einstellen, wird der Autor natürlich angemessen beteiligt. Ansonsten gilt: Das Anschreiben, Expose und die ersten fünf, sechs Seiten sowie der Schluss sagen einem meist, ob das Werk etwas taugt oder nicht. Das heißt: wir bilden uns eine Meinung und verlegen nicht alles, was angeboten wird.
Steffen Rink: Formale Dinge lassen sich dann, wie bereits gesagt, immer verbessern - das gehört ja zu unseren Aufgaben. Deshalb wird bei uns auch bei jedem Buch der Satz im Verlag erstellt. Wir lehnen es ab, dass die Autorinnen und Autoren die komplette Druckvorlage anfertigen und wir nur noch einen Buchdeckel drumkleben lassen. Dafür braucht man keinen Verlag. Und nur selten sieht es auch gut aus.
Was wünscht Ihr Euch für die Zukunft?
Steffen Rink: Eine schwere Frage. Den ultimativen Bestseller? Das ist vielleicht mehr ein Traum als ein Wunsch. Wir wünschen uns viele gute Manuskriptangebote und das Interesse der Leserinnen und Leser für die von uns angebotenen Themen.
Thomas Schweer: Damit wäre der diagonal-Verlag auf einem guten Weg.
Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen und alles Gute für Eure Arbeit und den Verlag.
Link zum: diagonal-Verlag

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