Religionshistorische Alternativwelten
20. April 2008 von kp
Alternativwelten bzw. Alternativweltgeschichten sind ein Subgenre des Science Fiction. Weitere Begriffe dafür sind: “Allohistoria”, “Parahistorie”, “Alternate History”, “Counterfactual History”, “Uchronie” oder auch “Uchronia”. Die besten Geschichten ihres Genres werden seit 1995 Sidewise Award in den Kategorien Kurzgeschichte und Roman ausgezeichnet.
Ausgehend von einem wichtigen gesellschaftspolitischen Ereignis oder historischem Fakt wird die Frage gestellt: “Was wäre passiert, wenn…” und anhand dieser Frage eine Alternativwelt und alternative Geschichtsschreibung entwickelt.
Ein Klassiker dieses Subgenres ist “Der Große Süden” von Ward Moore (1955), in dem nicht der Norden sondern der Süden den amerikanischen Bürgerkrieg gewann. Gleich mehrere SF-Autoren beschäftigen sich mit einer Weltgeschichte, in der Adolf Hitler den Zweiten Weltkrieg gewann oder auch einer Welt, in der Adolf Hitler vor seiner Machtergreifung ermordet wurde.
Das Gros der Bücher handelt von “historischen” Entwicklungen, die aufgrund kriegerischer Siege oder Niederlagen ihren Lauf nahmen. Nur in wenigen Science Fiction Romanen wird sich - sei es implizit oder explizit - mit möglichen religionshistorischen Verläufen und Wendepunkten beschäftigt:
- In “Die folgenschwere Ermordung Majestät Elisabeth I” von Keith Roberts - auch unter dem Titel “Pavane” erschienen - siegt die spanische Armada über die englische Flotte. Mit gravierenden Folgen: Die anglikanischen Kirchenreformen fanden nicht statt; England wird vom Vatikan aus regiert. Es herrschen Inquisition und Technikfeindlichkeit und entsprechend fiel natürlich die industrielle Revolution aus.
- In “Der Hammer des Nordens” von Harry Harrison und John Holm (2001) wird die Frage gestellt: “Was wäre passiert, wenn im 9. Jahrhundert statt der christlich-römischen die nordische Kultur in Europa gesiegt hätte?” und
- in “Die Verwandlung” beschreibt Kingsley Amis’ (1976) das Leben des jungen Sängers Hubert Anvil. Anvil droht die Kastration, damit seine schöne Stimme der Katholischen Kirche erhalten bleibt. Er flieht schließlich in das demokratische, protestantische Amerika und damit in ein Land, in welchem moderne Technik (z.B. die in Europa verbotene Elektrizität) erlaubt ist. “Was wäre passiert, wenn Luther seinerzeit in Rom zu Kreuze gekrochen wäre?” lautet die Frage, die sich Amis hier stellt. Eine seiner Antworten: Martin Luther wurde Papst; die Reformation fand so nicht statt.
Die meisten alternativen Religionshistorien sind allerdings noch nicht geschrieben und welche würde man überhaupt auswählen? Welche faktischen religionshistorischen Ereignisse wären bedeutsam genug, dass das Kontrafaktische den Lauf der Geschichte komplett verändert hätte? Würde man Ereignisse aus der Geschichte einer bestimmten Religion nehmen (abgesehen natürlich von den oben genannten Beispielen) oder würde man belletristisch ganz auf bestimmte Religionsgründer verzichten?
Michael Salewski schreibt in “Was wäre wenn. Alternativ- und Parallelgeschichte: Brücken zwischen Phantasie und Wirklichkeit” (S. 36) (Auszüge via Google Buchsuche)
“Ein wichtiger Punkt, an dem sich die Geschichte durch ein anderes Leben von Individuen verändert, ist die Religionsgeschichte im Falle von Religionsstiftern. Im Falle der Religionsgeschichte ist eher eine Subtraktion, das Entfernen von Personen aus der Geschichte, denkbar, denn eine Addition. Im Falle der Einfügung eines neuen Religionsstifters wären die möglichen Folgen nicht mehr auszumalen; die Fiktion würde sofort mangels Fakten “aus dem Ruder laufen.”
Sie würde zwar vielleicht nicht “aus dem Ruder laufen”, wäre jedoch durch Fehlen des kontrafaktischen Elements kaum mehr als Alternativweltgeschichte einzuordnen. Die Frage würde also gar nicht mehr lauten: “Was wäre passiert, wenn…?”, sondern “Was wäre, wenn…?” - ohnehin die klassische Frage des Sciene Fiction.
Einen chronologisch weiten Bogen des Subgenres spannt anscheinend (ich habe sie noch nicht gelesen) “Alexanders langes Leben, Stalins früher Tod”, herausgegeben von Erik Simon. Uwe Lammers dazu in seiner Rezension (2000):
“Ergebnis dieser Zusammenstellung ist ein bemerkenswerter, den Geist herausfordernder Ideenbogen, der uns zeigen sollte, daß das, was man gerne und vorschnell als trockene Geschichte abtut, in Wahrheit ein Feld von interessanten Möglichkeiten ist, die es nur zu entdecken gilt. Wer dazu neigt, solche Geschichten geringzuschätzen, offenbart vielleicht nur stupides Desinteresse. Wer aber im Gegenteil von diesen Werken fasziniert wird, schärft hierdurch sein Auge auch für die Tatsache, daß sein eigenes Leben, das Leben von jedem von uns jeden Moment eine einzige Kette von Wendepunkten darstellt. Meistens nur für uns und einige wenige. Aber manchmal eben auch für viele, für Nationen oder die ganze Welt.”
und
“Nehmen wir an, Luther wäre an einer Kinderkrankheit gestorben. Oder wenn Mohammed nicht nach Medina geflohen wäre… die Welt sähe gewiß vollkommen anders aus. All dies und noch viel mehr sind Geschichten, die noch zu schreiben sind.”
Der Untertitel dieser Zusammenstellung lautet “Erzählungen und Berichte aus Parallelwelten” und auf der Suche nach Literatur zu diesem Thema wird man durchaus auch unter dem Begriff “Parallelwelt(en)” fündig.
Verlässt man nicht nur den Boden belletristischer Parallelwelten, sondern auch den von Fakten und Wissenschaft, so kann das Ergebnis dann durchaus etwas ganz anderes sein. Das nennt sich dann: Verschwörungstheorie. Eine eigene mehr oder weniger kleine Parallelwelt, in der zum Beispiel
Bill Gates der Teufel (ist), denn korrekt heißt er William Henry Gates III. Wandelt man die Buchstaben seines Namens in ASCII- Werte um, erhält man folgendes: B 66 - I 73 - L 76 - L 76 - G 71 - A 65 - T 84 - E 69 - S 83 + 3 = 666. Die 666 ist die Ziffer und das Zeichen des Teufels. (Quelle)
oder in der “Sie” den Lauf der Geschichte manipulieren. “Sie” sind dann wahlweise die Illuminaten, die Freimaurer, die Juden oder neuerdings auch die Muslime. Aber das ist ein anderes Thema.