Mehr Religion in Kindertagesstätten
13. Mai 2008 von kp
…war zusammengefasst das Ergebnis oder besser die Forderung, die sich aus einer Studie des Tübinger Forschungsprojekts „Interkulturelle und interreligiöse Bildung in Kindertagesstätten“ - durchgeführt bereits 2007 - ergab.
Zugegeben: die Präsentation der Ergebnisse, die auf dem Symposion “Dein Gott, Mein Gott” (2007) stattfand, ist nun wirklich keine taufrische Meldung und um Fragen vorzugreifen: ich weiß schon, dass wir inzwischen 2008 haben. Grund für das Aufgreifen des Themas ist, dass der Tagungsband des o.g. Symposions seit wenigen Wochen im Buchhandel erhältlich ist. Außerdem ist das Thema insgesamt meiner Auffassung nach durchaus wichtig und beileibe auch im Kontext der Diskussion um den islamischen Religionsuntericht kein Fall für die “Mottenkiste”.
Zurück zu den Ergebnissen des Forschungsprojekts.
Befragt wurden insgesamt 364 Kindertagesstätten. Dabei
“stand der Zusammenhang zwischen interkultureller und interreligiöser Bildung in der Kindertagesstätte (im Zentrum der Untersuchung). Die konsequente Berücksichtigung der interreligiösen Dimension ist der zentrale innovative Beitrag dieses Forschungsprojekts. Bislang werden religiöse Fragen selbst bei neuesten Darstellungen zur Qualität von Kindertagesstätten weithin vernachlässigt oder ganz ausgeblendet.”
Einige Ergebnisse der durchaus auch religionsstatistisch interessanten Studie:
- Der Anteil der christlichen (getauften!) Kinder in konfessionellen Kitas liegt bei 55 Prozent; in kommunalen Einrichtungen liegt er bei 42,2 Prozent
- Der Anteil muslimischer Kinder in konfessionellen Kitas liegt bei 17,9 Prozent; in kommunalen Einrichtungen liegt er bei 27,1 Prozent
Überraschend hoch ist der Anteil von Kindern konfessionsloser Eltern in den konfessionellen Kindertagesstätten. Er liegt nach dieser Studie bei 19,7 Prozent und bei 17,7 Prozent in den kommunalen Einrichtungen.
Erfasst wurde auch, welche Feste in den konfessionellen und kommunalen Kindergärten gefeiert werden. Im Folgenden betrachte ich lediglich die Ergebnisse zu Sankt Martin näher:
Das Martinsfest wird in den nicht-konfessionellen Einrichtungen zu 33,3 Prozent religiös gefeiert. In einer säkularisierten Form wird es zu 59,0 Prozent in den befragten nicht-konfessionellen Kindertagesstätten gefeiert. In konfessionellen Einrichtungen feiern 95,8 Prozent das Martinsfest in einer religiösen Variante und 95 Prozent der konfessionellen Einrichtungen das Martinsfest in einer säkularisierten.
“Insgesamt feiern 82,8% aller Einrichtungen das Sankt-Martins-Fest regelmäßig. In 74,4% aller befragten Einrichtungen wird dies auch in religiöser Form gemacht”
Nun kann man sich hier sicherlich zwei Fragen stellen:
- Worin besteht der Unterschied zwischen den beiden Varianten?
- Wie geht das “rein technisch” vor allem bei den konfessionellen Einrichtungen vor sich. Wird das Martinsfest zweimal gefeiert: einmal religiös und einmal säkular?
Die erste Frage beantwortet die Zusammenfassung der Studie immerhin wie folgt: In der religiösen Variante heißt das “die Kinder lernen Geschichten von Sankt Martin kennen”
Mal ganz praktisch zu 2. nachgefragt:
Wird den Kindern bei der säkularen Variante auf die Frage, warum sie einen Laternenumzug machen geantwortet: “Weil wir das immer schon gemacht haben?” oder “Weil wir das jetzt Lust drauf haben?” Die Antwort wird ja kaum lauten: “Wir haben ein paar neue Bastelanleitungen für Laternen gefunden”.
Ähnliche Fragen stellten sich mir auch bei den weiteren erfragten Festpraktiken.
Verwirrend fand ich zudem einige der verwendeten Begriffe und Forderungen, die sich nach Auffassung der Leiter der Studie Prof. Dr. Biesinger (Katholische Religionspädagogik der Uni Tübingen), Prof. Dr. Schweitzer (Evangelische Religionspädagogik der Uni Tübingen) und Dr. Edelbrock (Evangelische Religionspädagogik der Uni Tübingen) aus der Studie ergeben. Ich zitiere hier wieder aus der Zusammenfassung:
“Kinder haben ein Recht auf Religion und religiöse Begleitung. Die Erwachsenen dürfen den Kindern den Zugang zu Religion und Transzendenz nicht verweigern.”
und
“Die Befunde sind aussagekräftig, aber nicht repräsentativ. Dringlich ist eine repräsentative Untersuchung zu interkultureller und religiöser bzw. interreligiöser Bildung in Kindertagesstätten, die bislang in entsprechenden Berichten auch der staatlichen Stellen sträflich vernachlässigt wird.”
Sieht man mal davon ab, dass ich zum Beispiel den neutraleren Begriff “Religionskompetenz” vergeblich gesucht habe, gehen mir die verwendeten Begriffe insgesamt zu sehr durcheinander. So ist für mich religiöse Bildung etwas anderes als interreligiöse Bildung.
Sicher denke ich auch, dass Kinder ein Recht auf “Religion” und interkulturelle Bildung haben, verstehe darunter aber die Vermittlung einer der religiösen Neutralität verpflichteten Religionskompetenz und keine explizite religiöse Begleitung.
Die Frage, ob “die Erwachsenen” (sind hier eigentlich die Eltern oder die Erzieher gemeint?) “den Kindern” den Zugang zu Religion und Transzendenz nicht verweigern dürfen ist meiner Auffassung nach nicht zuletzt auch eine ganz grundsätzliche Frage nach Freiheit zu und Freiheit von “Religion” und damit danach, ob nicht nur die positive sondern auch die negative Religionsfreiheit auch für Kinder gilt. Immerhin könnte es ja sein, dass konfessionslose Eltern mit voller Absicht ihre Kinder in kommunalen Einrichtungen betreuen lassen wollen, da es dort keinen explizit konfessionsgebundenen Erziehungsauftrag gibt - oder zumindest geben sollte (denke ich). In diesem Zusammenhang wäre sicher auch die Frage interessant, ob der Anteil von Kindern konfessionsloser Eltern in konfessionellen Kindergärten deswegen - für mich - so überraschend hoch ist, weil diese Eltern keinen anderen Kindergartenplatz gefunden haben?
Auf besagtem Symposion befanden die oben genannten Professoren einen “akuten Handlungsbedarf und sahen “alarmierende Tendenzen”:
“Viele Kinder bleiben mit ihren religiösen Fragen allein, aber sie haben ein Recht auf Religion, Transzendenz und Wertebildung.”
Dies impliziert - so wie ich diese Aussage lese - nichts anderes, als das Wertebildung zumindest nach Auffassung der Leiter der Studie nur im Kontext einer religiösen Kindererziehung geschehen könne.
Hierzu werden sicherlich atheistisch orientierte Eltern eine dezidiert andere Auffassung haben und die ein oder anderen werden sich explizit dagegen verwahren, dass ihre Kinder in kommunalen Einrichtungen religiös gebildet werden.
Immerhin konstatierten aber die Studienleiter, dass die Erzieher nicht Schuld an der Misere seien.
“Die Untersuchung belegt zugleich, dass die fehlende Wahrnehmung interkultureller und interreligiöser Bildungsaufgaben keineswegs einfach den Erzieherinnen anzulasten ist. Vielmehr fehlt es an einer wirkungsvollen Unterstützung für die Erzieherinnen. Bereits bei der Ausbildung, aber später auch bei der Fortbildung werden religionspädagogische Fragen zu wenig berücksichtigt. Insgesamt fehlt es an Modellen, Materialien und Beispielen, an denen sich die Praxis besonders bei der interreligiösen Bildung orientieren könnte.”
Das wundert mich nun keineswegs. Zugegebenermaßen liegt meine eigene Erzieherausbildung bereits Jahrzehnte zurück, allerdings erinnere ich mich dunkel, dass “Religionskompetenz” damals nicht das große Thema war. Daran scheint sich bis heute wenig geändert zu haben.
Religionskompetenz ist sicher - und ich glaube, dass man da kaum einer anderen Auffassung sein kann - eine dringliche und akute Aufgabe. Ich glaube allerdings, dass ich die Frage danach, wer denn - zumindest innerhalb der staatlichen Erzieherausbildung und -fortbildung - das nötige Know-How vermitteln sollte anders beantworten würde als diejenigen, die die Studie durchgeführt haben und ich glaube außerdem, dass ich mich da insgesamt in allerbester Gesellschaft befände.
Im Übrigen könnte man angesichts der Studienergebnisse zum Feiern der religiösen Feste - und damit schließe ich den leider etwas lang gewordenen Blogpost (liest überhaupt noch jemand mit?) - durchaus zu anderen “ketzerischen” Schlussfolgerungen kommen:
Warum wird in nicht-konfessionellen Einrichtungen z.B. St. Martin eigentlich immer noch zu 33,3 Prozent religiös gefeiert? Worin auch immer nun der Unterschied zur säkularen Variante des Festes bestehen mag.
Vorsorglich: Nein! Ich habe es wirklich nicht auf das Martinsfest oder ein anderes religiöses Fest “abgesehen” und bisher auch den vor wenigen Wochen erschienen Tagungsband nicht gelesen. Vielleicht finde ich aber die Antworten auf meine Fragen dort.