Religionswissenschaftliche Trendforschung mit Google?!
19. Juni 2008 von kp
Seit mehr als zwei Jahren gibt es Google Trends. Zeit zu schauen, ob und wie sich dieses Angebot für die religionswissenschaftliche Forschung eignet oder ob Google Trends lediglich ein nettes Spielzeug ist, mit dem man viel Zeit verbrennen kann?
Was ist Google Trends?
Google Trends zeigt anhand frei wählbarer Begriffe, wie populär diese über einen bestimmten Zeitverlauf waren.
Was interessierte die Nutzer? Worüber wollten sie mehr wissen? Zu welchem(n) Zeitpunkt(en) war ein Thema anscheinend besonders spannend und wie hat sich das Interesse über die Jahre gesehen entwickelt?
Die Ergebnisausgabe kann man sich über mehrere Jahre, für ein einzelnes Jahr, für die letzten 12 Monate und/oder die letzten 30 Tage anzeigen lassen. Neben globalen Abfragen sind regionale Einschränkungen möglich, z.B. für Deutschland die Trends in den einzelnen Bundesländern und Städten.
Als Ergebnis erhält man sowohl Trendkurven als auch Balkendiagramme. Bei den Trendkurven lassen sich die Spitzen zeitlich einigermaßen gut bestimmen. Exaktes Zahlenmaterial sucht man jedoch vergeblich. Ergänzt werden sie in der Regel durch Schlagzeilen aus dem Google Nachrichtendienst (Google News), wobei es sich ausschließlich um News aus dem englischen Sprachraum handelt.
Neben der Recherche nach dem Trend für einen einzigen Begriff über einen bestimmten Zeitverlauf können die Trends für bis zu fünf Begriffe miteinander verglichen werden.
Beispiele
(der Text bezieht sich auf Trendabfragen vom 14. Juni 2008, Links am Ende des Textes)
“Theologie vs. Religionswissenschaft” und “Religionswissenschaft”
Dass sich die Nutzer von Google mehr für Theologie als für Religionswissenschaft interessieren, ist nicht gerade überraschend und geradezu trivial. Für “Religionswissenschaft” isoliert betrachtet, interessieren sich mehr Google-Nutzer in Heidelberg als in Frankfurt und in Thüringen mehr als in Hamburg. Insgesamt ist aber die Datenbasis so schwach, dass man die “Trendkurve” ihren Namen gar nicht verdient.
Religion, Religionen, Spiritualität?
Google Trends zeigt, dass im Verhältnis mehr nach “Religion” als nach “Religionen” gesucht wird. Generell möchten aber die Google-Nutzer ohnehin mehr über “Spiritualität” als über “Religion” wissen.
Welche Religionen liegen im Trend?
Selbstverständlich ist hier nicht der Ort alle Religionen zu untersuchen, weswegen ich mich auf die folgenden fünf (in alphabetischer Reihenfolge) beschränkt habe: Buddhismus, Christentum, Hinduismus, Islam, Judentum.
Die Grafik zeigt - wenig überraschend - dass man sich in Deutschland mehr für “Islam” als für die anderen genannten Religionen interessiert. Wobei - abgesehen, von einigen Spitzen - das Interesse über die Zeit gleich stark (Islam) bzw. gleich schwach (für die anderen vier) zu sein scheint.
Islam
Schauen wir uns noch die Kurven im “Suchfeld Islam” an: Es wird häufiger nach “Islam” als nach “Muslime” gesucht wird und zwar mehr in Nordrhein-Westfalen als in Brandenburg.
In Nordrhein-Westfalen wiederum interessieren sich mehr Google-Nutzer in Duisburg für “Islam” als in Bonn; Köln belegt interessanterweise - trotz des anhaltenden Streits um die Großmoschee - nur einen Mittelplatz. (Um eine vorsichtige Interpretation zu wagen)
Scientology
Global interessierte man sich für “Scientology” vor allem Mitte 2005, im März und April 2006, im Mai 2007 und im Januar 2008. Für Deutschland finden wir die Spitzen im Juni 2005, Mai 2006, November 2006, Januar 2007 und vor allem im Januar 2008.
Islam oder Scientology?
GoogleTrends zeigt, dass sich die Deutschen (zumindest die deutschen Google-Nutzer) in den letzten Monaten generell mehr für Islam als für Scientology interessierten - mit einer interessanten Ausnahme im Januar 2008. Der beigefügte Google News-Link zeigt uns deutlich den Grund dieser Ausnahme: 17. Januar 2008: Cruise Scientology Video Surfaces Online.
Fazit
Sicherlich sind einige der in diesem Artikel durchgeführten Trendabfragen trivial und bieten wenig neue Erkenntnisse. Dies war aber auch nicht das Ziel des Artikels, der maximal einen Einstieg in eine religionswissenschaftliche Trendforschung geben kann.
Anhand der weiteren Abfragen wurde jedoch - so denke ich - deutlich, dass sich Google Trends durchaus als Werkzeug lohnen kann, um sozusagen den Zeitgeist zu erfassen und/oder einen Zusammenhang zwischen aktuellen Meldungen (z.B. in der Presse) und Nutzerinteresse herzustellen.
Gerade für Religionswissenschaftler, die sich für religiöse Gegenwartskultur in Deutschland interessieren könnte Google Trends ein durchaus interessantes und ergänzendes Analyseinstrument sein oder besser werden.
Es gibt mindestens zwei Schachpunkte. Der erste ist selbstverständlich, dass Google Trends nicht mit exaktem Zahlenmaterial aufwartet. Der zweite Schwachpunkt ist, dass zwar Google als Suchmaschine in Deutschland einen Marktanteil von über 90 Prozent hat, allerdings laut (N)Onliner-Atlas 2007 nur 60 Prozent der Deutschen online sind.
Aus diesen Gründen eignet sich Google Trends sicherlich (zumindest vorerst) nur begrenzt als religionsstatistisches Werkzeug.
Links zu den erwähnten Trendabfragen
- Google Trend: Theologie, Religionswissenschaft
- Google Trend: Religionswissenschaft
- Google Trend: Religionen,Religion
- Google Trend: Religion, Spiritualität
- Google Trend: Buddhismus, Christentum, Hinduismus, Islam, Judentum
- Google Trend: Islam, Muslime
- Google Trend: Scientology global
- Google Trend: Scientology (in Deutschland)
- Google Trend: Scientology in Deutschland 2008
- Google Trend: Islam, Scientology