Der Antichrist oder auch Anti-Messias ist eine Figur der christlichen Eschatologie; ein Gegenspieler, der Irrlehren verbreitet, andere zum Abfall vom Glauben verführen möchte und die Weltherrschaft. Sehen einige christliche Gruppierungen den Anti-Christ maximal symbolisch, so gibt es nach wie vor “Christentümer”, die den Anti-Christus personifizieren.
Die Geschichte wartet mit zahlreichen Beispielen für Anti-Christ-Zuschreibungen auf. Sie gingen einher mit gesellschaftlichen Krisen, waren rhetorische Figuren des politischen Kampfes aber auch Selbstbezeichnungen, um Stellung gegen eine faktische oder empfundene Vorherrschaft des Christentums zu beziehen und Teil des über mehrere Jahrhunderte sich hinziehenden Judenhasses und antisemitischer Verschwörungstheorien.
Nun wurde der Anti-Christ mal wieder gefunden und identifiziert. Die zweifelhafte Ehre geht - glaubt man zumindest dem Kommunikationswissenschaftler Norbert Bolz - an die “Politisch Korrekten”.
Das evangelikal ausgerichtete Nachrichtenportal befasste sich vor wenigen Tagen ebenso mit den Aussagen von Professor Bolz, wie das Islamhasserblog Politically Incorrect. Zugegeben: gegen Applaus von den falschen (PI) lässt es sich schlecht wehren.
Idea schreibt:
“In seinem kürzlich erschienenen Buch „Das Wissen der Religion“ (Wilhelm Fink Verlag, München), schreibt er (gemeint ist Prof. Bolz, kp), der Antichrist sei an seiner Rhetorik von Sicherheit und Friede erkennbar und werde den guten, politisch korrekten Menschen zum Vorbild erklären.”
Ohne das Buch gelesen zu haben: welchen Schluss sollen wir daraus denn eigentlich ziehen?
Dazu ein paar - und vielleicht für diesen Blog ungewöhnlich - ganz persönliche, unwissenschaftliche Worte:
Sicherheit und Friede sind unabdingbare Bedingungen für die Gestaltung einer Gesellschaft, für Bildung - nicht zuletzt auch für Bildung von Werten, wie sozialer Gerechtigkeit und Toleranz. Gerade diese Werte scheinen jedoch für Bolz nahezu Kampfbegriffe eines politisch-korrekten Anti-Christus zu sein. Idea:
“Bolz nennt drei Beispiele: Das Reden von „sozialer Gerechtigkeit“ sei nichts anderes als die Maske des Neids, „Teamfähigkeit“ die Maske des Hasses auf die Erfolgreichen und der „Dialog der Kulturen“ die Maske der geistigen Kapitulation vor fremden Kulturen. (…) Die heile Natur, das wahre Selbst und die gerechte Gesellschaft seien an die Stelle von Gnade, Kreuz und Erlösung getreten. (…) Ein Leben ohne Gott führe aber in eine gnadenlose Knechtschaft des Zeitgeistes und damit unter das Diktat dessen, was als politisch korrekt gelte, so Bolz. Demgegenüber sei das christliche Angebot das „freiheitlichste, souveränste, intellektuell befriedigendste“. Denn die Unterwerfung unter das Christentum ermögliche es, allem anderen gegenüber souverän zu sein.”
Schaut man sich in den Blogs der politisch-inkorrekten Szene, denen vom ganz rechten Rand und in den Diskussionsforen um, so hat sich in den letzten Jahren der Begriff “politische Korrektheit” (gemeint als Vorwurf) außerordentlich verbreitet und nicht nur das. Die Bezeichnung fungiert geradezu als Todschlag”argument”. Godwin’s Law reloaded sozusagen.
„Man kann eine Usenet-Diskussion als beendet bezeichnen, wenn einer der Teilnehmer Hitler und die Nazis herauskramt.“
Inzwischen kann man eine Diskussion nämlich als beendet bezeichnen, wenn einer der Teilnehmer einen anderen oder die anderen als politisch korrekt bezeichnet und von “Denkverboten einer politisch korrekten Meinungsdidaktur” redet. Finden denn diese Denkverbote überhaupt statt oder sind sie nicht vielmehr ein politisch inkorrekter Mythos, um sich selbst als Besitzer der alleinseeligmachenden Wahrheit zu bezeichnen und dies oft genug, um dahinter den eigenen Hass auf andere zu verschleiern?!
Über den Begriff oder besser den Vorwurf der Politischen Korrektheit (PC) schrieb 1996 das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung
„(…) In der Bundesrepublik wird PC gleichgesetzt mit Indoktrination, Kontrolle sowie Zwang. PC ist zu einem emotional aufgeladenen ultrarechten Kampfbegriff geworden zur Verleumdung linker und liberaler politischer, sozialer und kultureller Reformbemühungen und Absichten, die in den sechziger Jahren ihren Ausgang nahmen. In einem Satz: Missliebige Entwicklungen und Reformbemühungen sollen durch das Schlagwort PC diskriminiert und abgeschafft werden. Der Begriff PC hat sich seit Beginn der 90er Jahre von der ultrarechten bis zur rechtsextremen Gemeinde in der Bundesrepublik wie ein Lauffeuer verbreitet.“
Wenn also nach Ansicht von Herrn Bolz Begriffe, wie “Teamfähigkeit”, “Dialog der Kulturen” usw. die Rhetorik des Anti-Christen sein soll, dann frage ich mich doch ernsthaft: In welcher Gesellschaft wollen wir denn bitte leben?
Wollen wir wirklich in einer Gesellschaft leben, in der Empfänger von Hartz 4 mit Drogensüchtigen verglichen werden, wie neulich von Herrn Henkel im Cicero? In einer Welt, in der soziale Verantwortung, das Eintreten für Minderheitenrechte und vielleicht auch irgendwann die Menschenrechte über Bord geworfen werden - weil sie “politisch korrekt” sind.
In einer politisch inkorrekten Gesellschaft, wie es uns die Nutzer des oben benannten Blogs täglich vormachen, die unter anderem im Kommentarbereich der taz verbalmarodierenderweise unterwegs sind und von denen derzeit zumindest einige mal wieder auf Krawalle hoffen?
“Mein Herz schlägt eindeutig für Kroatien, mein politischer Verstand hofft auf Türkenkrawalle nach der Niederlage gegen Deutschland.”
“Ich würde ein Halbfinale DEUTSCHLAND vs türkei durchaus interessant finden. Vielleicht kann man nach so einem Spiel die Konfrontation nutzen um endlich gegen unsere Kulturbereicherer Nr.1 vorzugehen. Und vielleicht ziehen dann unsere MSM ihre Augenbinden endlich ab.”
Mal ehrlich: habe ich eine Wahl habe zwischen Teamfähigkeit und Einzelkämpfertum, zwischen sozialer Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, zwischen dem Dialog der Kulturen und dem Kampf der Kulturen und zwischen politischer Korrektheit und politischer Inkorrektheit, dann fällt mir diese Wahl doch ziemlich leicht. Rhetorik des Anti-Christus? Mal vorausgesetzt es wäre so: was bitte wäre denn dann die Rhetorik des Christus?