Religionen als Top-Level-Domains?
11. März 2009 von kp
Die ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) berät derzeit über neue generische Top-Level-Domains. In der Diskussion sind neben Städten (.berlin, .graz) auch Religionszugehörigkeiten. Diese neuen Top-Level-Domains würden dann z.B. .buddhist, .catholic oder .islam heißen.
Nun ist die Einführung solcher TLDs an sich und auf den ersten Blick gar keine schlechte Idee; allerdings gibt es bei der ganzen Angelegenheit und vor allem der praktischen Durchführung mindestens einen Haken: Top-Level-Domains müssen verwaltet werden und es gibt Richtlinien für die Vergabe.
Unabhängig davon, ob die Religionen-TLDs nun direkt von der ICANN und der Internet Society als nichtgesponserte (sTLD) oder von unabhängigen Organisationen als gesponserte (uTLD) laufen sollen, ist die ICANN gut beraten, wenn sie insgesamt von diesem Projekt die Finger davon lässt. Denn: wer will entscheiden, wer nun ein Recht darauf hat eine Website als .islam oder .catholic registrieren zu dürfen?
Angesichts der religiösen Vielfalt stellen sich für mich auch gleich mehrere, und zum Teil rein systematische Fragen:
- Was will die ICANN in den Fällen tun, wo die Religionszugehörigkeit identisch mit der ethnischen Zugehörigkeit ist oder sein kann? Sollen dann TLDs, wie .yoruba eingerichtet werden und wenn nicht, warum nicht?
- Will die ICANN tatsächlich für zigtausend existierende Religionen eigene Top-Level-Domains einrichten? Und wenn nur sozusagen die großen Religionen eine eigene TLD erhalten sollen, warum und würde das nicht der Gleichberechtigung und religiösen Vielfalt widersprechen?
- Wie soll mit Neuen Religionen umgegangen werden? Will die ICANN ernsthaft entscheiden, ob z.B. die Internationale Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein (ISKCON) eine eigene Top-Level-Domain (z.B. .iskcon) erhalten soll oder ob die Hare Krishna-Bewegung (wie sie auch genannt wird) eine Website mit der Endung .hindu registrieren darf?
- Oder soll etwa für Neue Religionen eine eigene Top-Level-Domain (denkbar wäre da z.B. .newreligion) und wer entscheidet dann darüber, ob eine “Gruppe” eine (Neue) Religion ist oder nicht? Vor meinem inneren Auge sehe ich schon die Schlagzeilen: “ICANN erkennt (XYZ) als Religion an”.
- Wie soll mit Religionen, wie z.B. der Ahmadiyya umgegangen werden? Soll sie eine eigene TLD bekommen (denkbar wäre z.B. .ahmadiyya oder so ähnlich) oder sich unter .islam registrieren dürfen und wer will das entscheiden?
- Wer soll eine TLD wie .catholic verwalten dürfen? Der Vatikan? Immerhin gibt es auch noch Altkatholiken. Und was macht man mit den Sedisvakantisten? Wird eine TLD, wie .islam ausreichen oder müssten nicht von vorn herein mindestens Sunniten und Schiiten unterschieden werden?
Gegen diese Pläne der ICANN hat sich bereits der Vatikan ausgesprochen. Nun nehme ich ja höchst selten vatikanische Meinungen als eigene an, aber die ICANN sollte die Warnungen des Vatikan in diesem Fall in ihren Überlegungen nicht unberücksichtigt lassen.
Auf der anderen Seite würden sich allerdings interessante Forschungsmöglichkeiten für Religionswissenschaftler eröffnen ( “Religiöse Argumentationsstrategien in der Registrierung der TLD .islam” oder “Christliche Ökumene am Beispiel der Verwaltung der TLD .protestant” wären als Artikel oder Bücher denkbar) und natürlich würden sich völlig neue Verdienstmöglichkeiten für Religionswissenschaftler auftun, z.B. als Gutachter. Also so gesehen…. ;-) Scherz!
Ich finde diese Überlegungen der ICANN derart abstrus, dass ich diesen Blogpost in der Kategorie “Kuriosa” abgelegt habe.
Weitere Informationen zum Thema unter “Vatikan gegen religiöse Top-Level-Domains“.
