(Religions) Wissenschaftliches Twittern - geht das überhaupt?
14. März 2009 von kp
Twitter (Erläuterungen z.B. hier und hier) wird oft als “das neue große Ding” gefeiert und (vor allem bloggende) Wissenschaftler sind in den letzten Monaten verstärkt auch auf Twitter aktiv. Deutlich wurde das durch die Liste twitternder Wissenschaftler, die Marc Scheloske von der Wissenswerkstatt dankenswerterweise zusammengestellt hat.
Worüber sicherlich weiter zu diskutieren ist sind folgende Fragestellungen:
- Was oder wer ist überhaupt ein twitternder Wissenschaftler?
- Was sind wissenschaftlich-relevante Tweets (Tweets nennt man die maximal 140-Zeichen umfassenden Nachrichten auf Twitter), kann es sie überhaupt geben?
- Kann es insgesamt ein “akademisches Microblogging” geben, wie könnte das aussehen und müsste man es vielleicht sogar von einem “wissenschaftlichen” Microblogging” - sofern es das geben kann - abgrenzen?
- Und schließlich: geht es vielleicht gar nicht um “wissenschaftliche Relevanz”, sondern Öffentlichkeitsarbeit einerseits und Vernetzung von Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Bereichen andererseits?
Als ich vor wenigen Tagen mit rw_info mein Twitter-Experiment startete, hatte ich (und habe ich nach wie vor) weniger ein explizites (religions)wissenschaftliches Micro-Blogging im Sinn, sondern sah dies eher als Gelegenheit (tagesaktuelle) Kurzmeldungen aus den Religionen aus diesem Blog auszulagern und natürlich via Twitter wiederum auf eigene Blogeinträge zu verweisen.
Mit Wissenschaft im engeren Sinne hat dies natürlich recht wenig zu tun - und wer weiß, vielleicht noch nicht einmal mit Wissenschaft im weiteren Sinne. Denn: Generell stellt sich Frage, ob Tweets (so nennt man einen Eintrag auf Twitter) überhaupt irgendeine (wissenschaftliche) Relevanz haben können oder ob nicht angesichts der Zeichenbegrenzung auf maximal 140 Zeichen nun definitiv der Gipfel an Trivialität und Unseriosität erreicht ist?
Aber kommen wir zu den Perspektiven und auch Fragestellungen, die sich im Kontext von Microblogging - speziell Twitter - für ein Fach, wie die Religionswissenschaft ergeben.
In einer Diskussion auf Simone Heidbrinks Blog zum Thema “Blogging und Religionswissenschaft” schrieb Simone vor fast einem Jahr:
“Ich denke, dass hier (gemeint sind Blogs) ein enormes Potential für die Wissenschaft liegt! Vernetzung von Wissenschaftlern untereinander und eine Popularisierung religionswissenschaftlicher Themen sind nur einige der neuen Möglichkeiten. Zugleich bieten Blogs als religionswissenschaftliche Quelle Wissenschaftlern die Möglichkeit, religiöse Diskursbildungen nachzuvollziehen (…)”
Könnte dies auch für das Microblogging (sprich: die Verwendung von Twitter) gelten? Werfen wir einen Blick auf die drei angesprochenen Bereiche:
- Vernetzung von Wissenschaftlern untereinander?
- Popularisierung religionswissenschaftlicher Themen?
- Microblogs als religionswissenschaftliche Quelle?
Eine Vernetzung von Wissenschaftlern ist sicher über Twitter möglich und findet auch bereits statt. Welcher Art die Vernetzung ist oder sein kann und welche Impulse sich daraus ergeben, wird die Zeit und das Engagement der einzelnen Personen zeigen. Sicherlich könnte man trefflich darüber spekulieren; zu beachten ist jedoch, dass zumindest in Deutschland die Gesamtzahl der aktiven Twitternutzer bei gerade einmal 27.000 liegt und nur wenige aus “der Wissenschaft” kommen.
Popularisierung religionswissenschaftlicher Themen? Hier habe ich schon erhebliche Bedenken, ob das mit 140 Zeichen geht. Was jedoch geht ist: Aufmerksam-machen auf aktuelle Diskussionen, auf religionswissenschaftliche Tagungen und Veranstaltungen, auf Neuerscheinungen u.a.m. Das ist dann allerdings eher Öffentlichkeitsarbeit (ÖA) als Wissenschaft - aber braucht das nicht gerade ein “kleines” Fach, wie die Religionswissenschaft?
Microblogs als religionswissenschaftliche Quelle? Eine spannende Frage und ein großes Feld, das es meiner Ansicht nach gilt zu beackern und zugleich ein Bereich, bei dem sich mehrere Probleme ergeben und Aspekte, die man - so denke ich - beachten muss und die sowohl methodische als auch wissenschaftsethische Fragestellungen aufwerfen.
Klar ist aber: für Religionswissenschaftler ist “das Feld” überall dort, wo “Religion(en)” ist/sind. So gesehen ist Twitter und mit voller Legitimität als Feld anzusehen und rechtfertigt eine religionswissenschaftliche Feldforschung in jedem Fall denn: ein religiöses Microblogging bzw. religiöses Twittern gibt es bereits.
Ein Beispiel - wahllos herausgegriffen und stehend für hundert weitere:
Unter PastorMark twittert Mark Driscoll aus Seattle (laut eigener Bio “Preaching Pastor of @MarsHill Church and founder of @theResurgence”) und bringt es auf immerhin 10 332 Follower (so nennt man die Twitterer, die ihn sozusagen abonniert haben und zumindest ein Interesse an dem haben, was er mit 140 Zeichen zu sagen hat).
Lesenswert übrigens: “Twitter of Faith: Microbloging the Divine“.
Um diesen Artikel nun nicht überlang werden zu lassen, werde ich in einem Folgeartikel Überlegungen zum Thema “Microblogs als religionswissenschaftliche Quelle” anstellen, verweise aber bereits jetzt auf den Artikel “Wissenschaftsethische Probleme der Online-Forschung” im Blog “Webreligion“.

Um die angesprochenen Fragen klären zu können, sollte man vermutlich eingrenzen, wozu Twitter dient. Tatsächlich bietet es “nur” die Möglichkeit kurze Nachrichten zu veröffentlichen, die wahlweise Antworten auf andere Nachrichten sein können. Um möglicherweise interessante Nachrichten mit zu bekommen, kann man andere Benutzer verfolgen/abonnieren.
Diese Grundfunktionalität noch um ein paar Spielereien erweitert ergibt dann Twitter. Kurz um eine Plattform mit Hilfe derer man (Kurz-)Nachrichten aufschnappen kann die von Quellen kommen, von denen man meint, das sie interessant sein könnten.
Um mit diesem knappen Umriss auf die drei Punkte zu kommen, dachte ich dazu eben folgendes. Eine Vernetzung von Wissenschaftlern ist vermutlich nur begrenzt möglich. Verstehe ich Vernetzung nicht nur als bloße Angabe der Verbindung zwischen zwei Twitter-Benutzern (jeweils als “Follower”) sondern zusätzlich als einen Austausch von Informationen, dann kann ich mir das über Twitter nicht so richtig vorstellen. Zwar wird über Twitter wohl auch durch das fortlaufende Antworten auf Nachrichten quasi eine Unterhaltung geführt, aber das erscheint mir müßig.
Eine Popularisierung religionswissenschaftlicher Themen kann ich mir da schon eher vorstellen. Trotz der sehr kurzen Nachrichten sind doch zumindest Hinweise auf interessante Informationsquellen möglich. Erscheint beispielsweise eine besondere wissenschaftliche Arbeit, die man - aus verschiedenen Gründen - publik machen möchte, ist dies über Twitter leicht möglich. Vorausgesetzt es gibt für das eigene Benutzerprofil genug Follower (Interessierte), gelangt die Nachricht schnell zu vielen Menschen.
Zum dritten Punkt kann ich vermutlich nichts sagen, da ich nicht genau weiß, was als religionswissenschaftliche Quelle gelten würde. Vielleicht um zu forschen, wie die Menschen im Internet Religion darstellen? In diesem Fall scheinen Blogs vielleicht eher geeignet, da sie mehr Platz für Erklärungen bieten und nicht - wie bei Twitter - auf 140 Zeichen pro Nachricht beschränkt sind.
Naja, so oder so, warte ich einfach mal auf den Folgeartikel…
Auf den ersten Blick bietet Twitter tatsächlich “nur” die Möglichkeit Kurznachrichten in 140 Zeichen zu senden und scheint deswegen nicht besonders spannend und für viele ist Twitter einfach nur ein großer Spaß.
Es heißt ja oft “Twitter ist, was man draus macht” und was draus gemacht werden kann bietet durchaus mehr, als das bloße Twittern von Links oder das Verweisen auf Bücher - was ich übrigens durchaus wichtig finde, auch wenn sich das jetzt anders anhört.
Welches Potenzial Twitter (mal generell gesprochen) hat, zeigte sich unter anderem beim Twestival. Eine weitere interessante Möglichkeit ist das Konferenztwittern. Hier macht es dann nicht eine einzelne Kurznachricht, sondern die Summe der Tweets der Teilnehmer und je nachdem, wie hoch der Zahl derjenigen ist, die Twittern bekommt man schon einen recht guten Überblick. Es wurden auch schon die ersten Interviews über Twitter geführt und und und.
Einen Punkt hatte ich oben gar nicht angesprochen: Twitter als Informationskanal für einen selber. Das ist in manchen Bereichen jetzt schon sinnvoll und je nachdem kann man sogar ein gezieltes Monitoring betreiben.
Zum dritten Punkt: Das Darstellen von Religionen ist sicherlich ein Punkt, andere sind aber auch: Was motiviert Menschen z.B. Buddhistische Weisheiten, Tageslosungen, Bibelzitate u.a.m. zu twittern? Ist es der “Spaß” oder “Mission”? Hier wäre es dann weniger das Darstellen von Religionen im Web (dafür ist sicher Twitter ungeeignet), sondern eher das Beobachten und Erforschen der Selbstdarstellung von Religionen. Ebenso könnte man sich, so als Langzeitstudie anschauen, wie sich dort die Followerzahlen entwickeln und daraus versuchen etwas abzuleiten. Aber ich greife jetzt schon zu weit vor…